Here is some information about Oscar:
Bocksprünge und Bauchlandungen:
Lafontaines mißglückte Einlassungen zur
Bundespolitik
Mit der Wahl des Saarländers scheinen sich zwar die Personalquerelen
in der SPD-Führungsriege - zumindest vorläufig - beruhigt zu haben, im
Gegenzug jedoch sind neue inhaltliche Kontroversen in der SPD
entstanden.
Wann immer Lafontaine sich zu bundespolitischen Themen äußerte,
verunsicherte er vor allem die eigene Partei. Sein politischer Kurs
verläuft im Zick-Zack, ist unberechenbar. Das einzig Beständige daran
ist die Unbeständigkeit.
Das ist um so fataler, als sich Teile der SPD unter Führung von Rudolf
Scharping darum bemüht hatten, die Partei in zentralen Fragen der
deutschen Politik den Realitäten anzunähern. Dieser Versuch wird durch
Lafontaines politische Bocksprünge zunichte gemacht.
Wo außenpolitisches Verantwortungsbewußtsein gefordert ist, bietet
Lafontaine isolationistisch-pazifistische Botschaften an. Wo es in der
Wirtschafts-, Finanz- und Arbeitsmarktpolitik um neue
Weichenstellungen im Blick auf das 21. Jahrhundert geht, propagiert
Lafontaine die gescheiterten Rezepte der siebziger Jahre. Wo - zum
Beispiel in der Europapolitik - Stetigkeit und Überzeugungskraft
gefragt sind, agitiert Lafontaine als dumpfer Populist.
Was immer zur Diskussion steht, Lafontaine geht als Geisterfahrer auf
Gegenkurs zu den Erfordernissen der politischen Realität.
Oskar Lafontaine hat damit vor allem eines erreicht: In wichtigen
Fragen der deutschen Politik spaltet er die SPD. Ob zur Europapolitik,
zu Wirtschaftsfragen oder zur Außenpolitik - stets hat sich Oskar
Lafontaine mit seinen Äußerungen den entschiedenen Widerspruch
führender SPD-Politiker zugezogen. Unter dem ,Napoleon von der Saar"
ist das inhaltliche Profil der SPD unklarer und wechselhafter denn je.
Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert hat die Lafontaine-SPD keinen klaren
Kurs, geschweige denn ein schlüssiges Konzept.
1. Beispiel Währungsunion
Schon wenige Wochen nach dem Mannheimer Parteitag war der neue
SPD-Vorsitzende darum bemüht, seiner Partei eine europapolitische
Kehrtwende zu verordnen; zum Entsetzen der SPD-Europapolitiker
plädierte er für eine Verschiebung der Wirtschafts- und Währungsunion.
"Ehe es dazu kommt, daß die Währungsunion zum Sprengstoff für die
Europäische Einigung wird, wäre es besser, die Zeitpläne des
Maastrichter Vertrages zu korrigieren."
(Presseservice der SPD, 12.12.1995)
Nur einen Tag später stellte Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD)
hierzu unmißverständlich klar:
"Wir haben nur einen einzigen Schuß zur Schaffung der Einheitswährung,
und der darf nicht fehlgehen. ... Die Sache wird später nie wieder
erfolgreich in Gang gesetzt werden können."
(Hannoversche Allgemeine, 13.12.1995)
SPD-Europapolitiker wie Klaus Hänsch (SPD), Präsident des
Europaparlamentes, unterstrichen die Zustimmung der SPD zum
Maastrichter Vertrag. Hänsch antwortete auf die Frage, ob Deutschland
an der Währungsunion teilnehmen werde:
"Diese Frage ist entschieden. Herr Scharping und Herr Schröder haben
im Bundesrat dem Maastricht-Vertrag und damit der Währungsunion
zugestimmt. Auch Herr Lafontaine."
(Frankfurter Allgemeine, 5.11.1995)
Lafontaines überraschende Wendung hat dazu geführt, daß in der SPD
niemand mehr genau weiß, ob die Partei nun für oder gegen die
europäische Währungsunion ist. Während die Europapolitiker der SPD
verzweifelt versuchen, den Schaden im Ausland in Grenzen zu halten und
Zweifel an der europapolitischen Verläßlichkeit der SPD zu zerstreuen,
nehmen SPD-Wahlkämpfer den Hakenschlag ihres Vorsitzenden zum Anlaß,
massiv Front gegen den Maastrichter Vertrag zu machen. In
Baden-Württemberg mußte nach heftigen Protesten der Europapolitiker
ein Plakat der SPD für den Landtagswahlkampf zurückgezogen werden, auf
dem gefordert wurde: ,1999 kein Euro". (Stuttgarter Zeitung, 5.2.1996)
In welch trüben Gewässern die SPD mit solchen Parolen fischt, macht
eine Bemerkung des Fraktionsvorsitzenden der rechtsradikalen
,Republikaner" in Baden-Württemberg, Schlierer, deutlich: ,Ich hatte
schon befürchtet, Maurer und Spöri wollten uns europapolitisch rechts
überholen." (Stuttgarter Zeitung, 5.2.1996) Der stellvertretende
Fraktionsvorsitzende der SPD im Deutschen Bundestag, Günter Verheugen,
warnt seine Partei denn auch besorgt von einem ,plumpen
D-Mark-Nationalismus" (Bonner General-Anzeiger, 9.2.1996)
2. Beispiel Staatsverschuldung
Auch in wirtschaftspolitischer Hinsicht ist der neue SPD-Vorsitzende
dabei, den Anspruch der SPD auf Wirtschaftskompetenz nach Kräften zu
zerschlagen: Gemeinsam mit seinem niedersächsischen Kollegen und
innerparteilichen Konkurrenten Gerhard Schröder hat Oskar Lafontaine
für eine Erhöhung der Neuverschuldung plädiert, um
Beschäftigungsprogramme zu finanzieren - ein Konzept, das bereits in
den siebziger Jahren gescheitert ist und seither bei allen Experten
als untauglich, sogar schädlich gilt. Lafontaine und Schröder war das
offenkundig gleich, sie wärmten sogar die Schmidtsche Wahlkampfparole
,Lieber 5% mehr Inflation als 5% mehr Arbeitslosigkeit" aus den
siebziger Jahren wieder auf.
"Beide SPD-Politiker [Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder]
befürworteten es, 1996 notfalls die Neuverschuldung steigen zu lassen.
Lafontaine sagte, statt allein auf Geldwertstabilität zu setzen, müsse
mehr für die Beschäftigung getan werden. Dafür sei auch ,eine gewisse
Neuverschuldung" in Kauf zu nehmen."
(Hannoversche Allgemeine, 13.12.1995)
Kurz und bündig hat die SPD-Finanzpolitikerin Ingrid Matthäus-Maier
dies als abwegig zurückgewiesen. Im Deutschen Bundestag stellte die
stellvertretende Fraktionsvorsitzende fest:
"Ein schuldenfinanziertes Konjunkturprogramm wäre nur Strohfeuer.
Folge wären höhere Zinsen und langfristig ein noch größerer Zwang zu
Einsparungen."
(Bild, 14.12.1995)
Mit ihren Forderungen stellen sich Lafontaine und Schröder auch in
Widerspruch zu jüngsten Parteitagsbeschlüssen der SPD. Auf dem
Putschparteitag in Mannheim hatte sich die SPD in ihrem Beschluß zur
Wirtschaftspolitik - spät genug - zu der richtigen und wichtigen
Erkenntnis durchgerungen: ,Notwendig ist eine strikte Begrenzung der
Ausgaben und der Nettokreditaufnahme." An anderer Stelle heißt es im
Text: ,Mit einer konsequenten Sparpolitik muß für Bürger und
Wirtschaft, für Kapitalmärkte und Bundesbank eine verläßliche
Konsolidierungsperspektive geschaffen werden. Denn solide
Staatsfinanzen sind eine Voraussetzung für niedrige Zinsen und damit
für mehr Wachstum und mehr Beschäftigung."
Lafontaine hatte in Mannheim mit für diesen Beschluß gestimmt - und
damit auch für jene Passage, die genau das ad absurdum führt, was
Lafontaine wenig später in seiner ersten Pressekonferenz fordern
sollte. So schnell springt wahrscheinlich nur Lafontaine in Irrtümer
zurück, von denen seine Partei gerade geglaubt hatte, sie habe sie
überwunden.
3. Beispiel Wirtschaftskonzept
Lafontaines wirtschaftspolitische Vorstellungen rufen nicht nur bei
den Experten und bei anderen SPD-Politikern Widerspruch hervor, der
SPD-Vorsitzende widerspricht sich auch selbst: Hatte Lafontaine eben
noch einer höheren Staatsverschuldung das Wort geredet, stimmte er
kurz darauf dem Spar- und Modernisierungsprogramm der Bundesregierung,
ja dem gesamten Konzept der CDU zu:
Frage: "Im Aktionsprogramm der CDU sind vier Punkte beschlossen
worden: Kostenentlastung der Arbeit, wachstumsstärkende Steuerpolitik,
Subventionsabbau, Maßnahmen zur Förderung von Existenzgründungen. Das
könnten Sie doch alles auch unterschreiben?"
Lafontaine: "Das können wir alles unterschreiben."
(DLF, 15.1.1996)
Bleibt die Frage: Warum wehrt sich Lafontaine dann so vehement gegen
die Politik von CDU und Bundesregierung? Schmollt er, weil sich
Bundesregierung, Gewerkschaften und Wirtschaft auf ein ,Bündnis für
Arbeit und zur Standortsicherung" geeinigt haben? Oder geht es ihm
eher darum, die Tatsache zu verdecken, daß die CDU-geführte
Bundesregierung über ein Konzept verfügt, die SPD dagegen nicht?
Mit seinem Versuch, durch die Vorstellung eines ,10-Punkte-Planes" ein
wirtschaftspolitisches Konzept vorzugaukeln, erlebte Lafontaine
jedenfalls eine schlimme Bauchlandung. Allein vier der zehn Punkte
konzentrierten sich bereits in der Überschrift auf die Forderung nach
Arbeitszeitverkürzung, mehr Freizeitausgleich und höherer
Lebensqualität. Die Menschen in Deutschland brauchen aber nicht mehr
Freizeit, sondern mehr Arbeit. Lafontaines Forderungen nach Verkürzung
und Umverteilung von Arbeitszeit sind alles andere als ein Beitrag zur
Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft - und
gerade darauf kommt es vor allem an.
Die übrigen Forderungen enthielten vor allem alte Leerformeln und neue
Widersprüche:
Wie läßt sich zum Beispiel vereinbaren, daß Lafontaine eine
Stärkung der Ausbildung fordert, zugleich aber mit überzogenen
Forderungen im Bundesrat das Meister-BAföG an die Wand fahren
läßt? Wie reimt es sich zusammen, wenn Lafontaine von einer
Mittelstandsoffensive spricht, konkrete Vorhaben wie die
Abschaffung der Gewerbekapitalsteuer und die
mittelstandsfreundliche Senkung der Gewerbeertragssteuer jedoch
blockiert?
Fragen über Fragen. Entsprechend verwundert reagierte die Presse. Die
,Westdeutsche Allgemeine" traf die Meinung der meisten Beobachter, als
sie im Rückblick das Auftreten Lafontaines kommentierte: ,Von Führung
ist wenig zu spüren, eine Linie nicht in Sicht. Mal gibt er ein
Interview, mal setzt er eine Pressekonferenz in den Sand. Stichwort:
Verschuldung." (Westdeutsche Allgemeine, 26.1.1996)
4. Beispiel Außenpolitik
Außen- und sicherheitspolitische Störmanöver scheinen das besondere
Steckenpferd des Saarländers zu sein. Oskar Lafontaine hat nie einen
Hehl daraus gemacht, daß er in wesentlichen Fragen der deutschen
Außenpolitik nicht mit den sicherheitspolitischen Experten seiner
Partei übereinstimmt, sondern eher im alternativ-pazifistischen Denken
der siebziger und achtziger Jahre verstrickt bleibt.
Sowohl vor als auch nach seiner Wahl zum SPD-Vorsitzenden tat er sich
dadurch hervor, für Deutschland eine internationale Sonderrolle zu
reklamieren und beispielsweise für UNO- und NATO-Einsätze in
Bosnien-Herzegowina die Unterstützung durch deutsche ECR-Tornados zu
verweigern.
Oskar Lafontaine:
"Deutschland muß seine internationale Verantwortung weder durch einen
ständigen Sitz im Sicherheitsrat, noch durch ein JA zu Kampfeinsätzen
der Bundeswehr außerhalb des NATO-Gebietes beweisen."
(Presseservice der SPD, 2.2.1995)
Kategorisch gab Lafontaine Prophezeiungen kund, die wenig später von
den Tatsachen widerlegt wurden:
"Die Diskussion über Tornado-Kampfeinsätze ist ohne Grundlage. Denn
das von vielen verlangte UNO-Mandat zum Bombardieren - wer soll
eigentlich bombardiert werden? - wird nicht kommen ..."
(Spiegel, 20.3.1995)
Mittlerweile steht fest: Erst die militärischen Einsätze gegen die
Pale-Serben haben der Chance auf Frieden in Bosnien-Herzegowina die
Tür geöffnet. Und wenn Deutschland die Unterstützung durch
ECR-Tornados verweigert hätte, wäre das Vertrauen in unsere
außenpolitische Verläßlichkeit bei unseren Freunden und Partnern
schwer erschüttert worden. Mit anderen Worten: Hätte sich Deutschland
verhalten, wie es Lafontaine gefordert hat, wäre für unser Land
international erheblicher Schaden entstanden.
Lafontaines Plädoyer für eine deutsche Verweigerungshaltung gegenüber
internationalen Verpflichtungen ist auch in der SPD nicht
unwidersprochen geblieben. Führende SPD-Bundestagsabgeordnete haben
sich im Gegenteil für eine verantwortungsvolle Außenpolitik und damit
für die Linie der Bundesregierung ausgesprochen:
Norbert Gansel MdB:
"Aber wenn es nicht vermeidbar ist, wenn wir uns notwendigerweise
beteiligen müssen aus Gründen der Solidarität mit den Blauhelmen, die
ja auch auf unseren Wunsch, auf unseren Willen hin entsandt worden
sind, dann, meine ich, werden wir die Hilfe geben müssen, die
militärisch notwendig ist, die politisch verantwortbar ist, und dann
soll man jetzt keine Diskussion führen über einzelne
Bundeswehreinheiten oder einzelne Waffensysteme."
(WDR, Morgenecho, 6.6.1995)
"Der frühere SPD-Fraktionsvorsitzende und heutige Vizepräsident des
Deutschen Bundestages, Hans-Ulrich Klose, plädierte im Widerspruch zu
Lafontaine dafür, ,im Rahmen des Pflichtenkatalogs der UN und der NATO
mehr Verantwortung zu übernehmen und sich notfalls auch militärisch zu
engagieren - trotz schwieriger Geschichte."
(ddp, 6.9.1995)
c CDU Deutschlands
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